Wenn Kurse das Zwanzigfache schaffen: Der KI-Bewertungszyklus im Stresstest (EGEKID-Dossier)
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EGEKID-DOSSIER
Wenn Kurse das Zwanzigfache schaffen: Der KI-Bewertungszyklus im Stresstest
1 – Was passiert ist
Ich habe in über 30 Jahren an Terminmärkten einige Kursexplosionen gesehen. Aber eine Zahl wie bei AT&S lässt selbst mich kurz innehalten: plus 1.495 Prozent innerhalb von zwölf Monaten – das ist fast eine Versechzehnfachung des Aktienkurses. Auch nach der jüngsten Konsolidierung (Kursrückgänge nach starkem Anstieg) stehen noch rund 820 Prozent Plus auf Jahressicht und 464 Prozent seit Jahresbeginn zu Buche [1].
AT&S ist damit kein Einzelfall, sondern Teil eines Musters: Im S&P 500 haben seit Jahresanfang bereits 15 Indexmitglieder ihren Kurs mehr als verdoppelt [4]. Der gemeinsame Nenner: KI-Exposure, also die Abhängigkeit des Geschäftsmodells vom Boom rund um Künstliche Intelligenz. Selbst der DAX, der zuletzt eher zurückhaltend bei 25.114 Punkten schloss, zeigte trotz Gewinnmitnahmen bei KI-Titeln nur ein leichtes Plus [2] – ein Hinweis, dass die Euphorie noch nicht flächendeckend gebremst wird.
2 – Die Mechanik dahinter
Wie entstehen solche Bewegungen? Ganz einfach: Wenn ein Thema wie KI-Infrastruktur (also die Hardware und Vorprodukte, die für KI-Rechenzentren gebraucht werden) plötzlich als „der“ Zukunftsmarkt gilt, strömt Kapital viel schneller in die Aktien als die Unternehmen ihre Gewinne steigern können. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV, also wie viel du für einen Euro Jahresgewinn bezahlst) läuft dem tatsächlichen Wachstum davon.
Bei AT&S kommt ein zweiter Effekt hinzu, den ich aus meiner Zeit als Market-Maker gut kenne: Ein enger Streubesitz (also wenig frei handelbare Aktien) verstärkt jede Nachfragewelle überproportional. Wenn viele Käufer auf wenig verfügbares Angebot treffen, schießt der Kurs nach oben – nicht weil sich das Geschäft verzwanzigfacht hat, sondern weil sich Angebot und Nachfrage kurzfristig extrem verschieben.
Auch die Fondsrotation spielt mit: Aktiv gemanagte Growth-Fonds wie der MS US Growth A, der zuletzt an einem einzigen Tag 6,39 Prozent zulegte [5], schichten Kapital gezielt in genau diese KI-Highflyer um. Das verstärkt den Trend zusätzlich – ein sich selbst verstärkender Kreislauf, solange die Story hält.
3 – Der historische Befund
Ich habe solche Muster schon in den Neunzigern bei Telekom-Aktien gesehen, dann bei der Dotcom-Blase, später bei Solar- und zuletzt bei Krypto-Zyklen. Der historische Befund ist erstaunlich stabil: Häufungen extremer Kursvervielfachungen treten typischerweise in der späten Phase eines Hype-Zyklus auf – dann, wenn Bewertungsmultiples schneller steigen als die fundamentalen Kennzahlen wie Umsatz oder Gewinn.
Das heißt nicht automatisch „Crash morgen“. Aber es heißt: Die Wahrscheinlichkeit für scharfe Korrekturen steigt deutlich, sobald die ersten Zweifel an der Wachstumsstory laut werden. Die Gewinnmitnahmen bei KI-Aktien, die den DAX zuletzt leicht belastet haben, könnten ein erstes, noch sehr leises Signal sein.
| Kennzahl | Zeitraum | Wert |
|---|---|---|
| AT&S Kursplus (Höchststand) | 12 Monate | bis zu 1.495 % |
| AT&S Kursplus (aktuell) | 12 Monate | rund 820 % |
| AT&S Kursplus | seit Jahresbeginn | 464 % |
| S&P-Aktien mit Kursverdopplung | seit Jahresbeginn | 15 Titel |
4 – Was jetzt zählt
Für dich als Anleger zählt jetzt vor allem eines: Extremwerte nicht als neue Normalität akzeptieren. Wer glaubt, „das geht jetzt so weiter“, verwechselt einen historischen Ausreißer mit einem stabilen Trend. Genau das ist der Denkfehler, der in jedem Zyklus die späten Einsteiger trifft.
Stattdessen solltest du diese Extremwerte explizit in deine Szenario-Analysen einbauen – also durchspielen, was passiert, wenn die Bewertung um 30, 50 oder 70 Prozent zurückkommt, bevor sie sich stabilisiert. Und du solltest dein Risikobudget (also den Anteil deines Depots, den du bereit bist, in hoch bewertete Einzeltitel zu stecken) klar begrenzen.
5 – Die Investoren-Brille (mit Anwendungsbeispielen)
Ich nutze KI-Tools seit Jahren, um genau diese Übertreibungen strukturiert zu prüfen – nicht um sie zu jagen, sondern um sie einzuordnen. Hier drei konkrete Werkzeuge für deinen Alltag:
- Wie viel Prozent meines Depots hängt direkt oder indirekt an der KI-Story (Chips, Rechenzentren, Software)?
- Habe ich in den letzten 12 Monaten eine Position mit mehr als 100 Prozent Kursgewinn nachgekauft, statt Gewinne zu sichern?
- Kenne ich das KGV der Position im Vergleich zum historischen Durchschnitt der Branche?
- Was passiert mit meinem Depot, wenn genau diese Position 40 Prozent verliert?
„Analysiere die Aktie [NAME]. Zeige mir: 1) Kursentwicklung der letzten 12 Monate in Prozent, 2) aktuelles KGV im Vergleich zum 5-Jahres-Durchschnitt der Branche, 3) Umsatz- und Gewinnwachstum der letzten 4 Quartale, 4) Anteil des Streubesitzes (Free Float). Bewerte anschließend nüchtern, ob die Kursentwicklung fundamental gedeckt ist oder überwiegend durch Multiple-Expansion und Knappheit im Streubesitz getrieben wurde. Keine Kaufempfehlung, nur Faktencheck.“
- ☐ Kursgewinn der letzten 12 Monate über 200 Prozent? → Extra-Vorsicht.
- ☐ Wächst der Gewinn im selben Tempo wie der Kurs? Wenn nein: Warum nicht?
- ☐ Gibt es eine plausible Erklärung außer „alle kaufen gerade“?
- ☐ Ist meine Position bereits größer als mein persönliches Risikolimit erlaubt?
- ☐ Habe ich einen klaren Ausstiegsplan, falls die Korrektur kommt?
Mein Rat, wie immer nüchtern: Die KI-Rallye ist real, die Technologie verändert tatsächlich Geschäftsmodelle. Aber ein Kursplus von 1.495 Prozent ist Statistik, kein Naturgesetz. Wer das mit Handwerk statt Hype angeht, prüft die Zahlen – und lässt sich nicht von der Story allein treiben.
Quellen
[1] Wie extrem ist der aktuelle KI-Bewertungszyklus? (Analyse-Quelle)
[2] DAX trotzt KI-Gewinnmitnahmen
[3] AT&S surft KI-Infrastruktur-Boom
[4] S&P-Highflyer dank KI-Rallye
[5] Fondsrotationen Richtung Growth und KI
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